„Im keltischen Kulturkreis wurde das junge Mädchen als Blume gesehen,
die Mutter als Frucht und die ältere Frau als Same.
Der Same ist der Teil, der das Wissen und das Potenzial aller anderen Teile in sich birgt.“
– Dr. med. Christiane Northrup
Dieses Zitat lässt in mir ein inneres Bild entstehen, das mich gerade tief bewegt.
Ein Bild, das wir aus der Natur kennen: Eine Knospe öffnet sich zur Blüte, aus der Blüte wächst die Frucht, und in ihr reift der Same – konzentriert und voller Potenzial für neues Leben.
Vielleicht berührt mich dieses Bild auch deshalb so sehr, weil ich selbst eine Frau in der Lebensmitte bin und mich in der Phase des Samens wiederfinde. Weil ich zunehmend sehen und spüren kann, was in in meinem Leben in mir gereift ist.
Und gleichzeitig stolpere ich über die Bezeichnung „ältere Frau“. Vielleicht, weil ich mich selbst mit 58 Jahren nicht so empfinde. Ich fühle mich mitten im Leben – lebendig, sinnlich, neugierig und mit einer großen Lust auf das, was noch vor mir liegt.
Vielleicht liegt genau darin eine Spannung, die viele von uns Frauen in der Lebensmitte kennen: Im Außen werden wir langsam den „älteren Frauen“ zugerechnet, während wir uns selbst oft ganz anders erleben.
Umso mehr berührt mich das Bild des Samens. Denn es erzählt nicht vom Wenigerwerden, sondern von Reife, Verdichtung und von einer Kraft, die zugleich neues Potenzial in sich trägt.
Und ich glaube, dass genau diese Lebensphase in unserer Kultur noch immer viel zu wenig in ihrer eigenen Kraft gesehen wird.
Eine Lebensphase, deren Wert wir uns selbst geben dürfen
Wir leben in einer Welt, die das Aufblühen liebt. Jugend ist sichtbar, Schönheit wird mit Jugend verbunden, Anfang und Aufbruch bekommen Aufmerksamkeit.
Doch was ist mit der Frau, die bereits gelebt hat?
Mit der Frau, deren Erfahrungen sich in ihren Körper, in ihr Gesicht und in ihre Entscheidungen eingeschrieben haben? Die nicht mehr am Anfang steht – und gerade deshalb etwas in sich trägt, das vorher noch gar nicht da sein konnte?
Ich erlebe die Lebensmitte nicht als ein langsames Wenigerwerden. Und gleichzeitig möchte ich auch nicht so tun, als wäre diese Phase immer leicht.
Der Körper verändert sich. Gewissheiten können brüchig werden. Beziehungen verändern sich. Manche Rollen, die lange selbstverständlich waren, beginnen enger zu werden oder lösen sich ganz auf. Was uns über viele Jahre getragen hat, trägt vielleicht nicht mehr auf dieselbe Weise.
Und oft taucht eine Frage auf, die sich nicht mehr so leicht übergehen lässt: Was ist jetzt wirklich meines – und worauf möchte ich nicht mehr warten?
Ich glaube, genau darin liegt eine besondere Kraft dieser Lebensphase.
Wir müssen nicht mehr jede Möglichkeit offenhalten. Wir dürfen unterscheiden. Wir müssen nicht mehr überall dazugehören. Wir dürfen wählen. Und wir müssen nicht mehr jede Erwartung erfüllen, sondern können uns immer ehrlicher fragen, was für uns selbst wahr ist.
Der Same trägt das gelebte Leben in sich
Das Bild des Samens bewegt mich deshalb so sehr.
Ein Same ist oft klein und unscheinbar. Und doch trägt er etwas ungeheuer Kostbares in sich.
Nichts von dem, was vorher war, ist einfach verschwunden. Etwas wurde aufgenommen, verwandelt, verdichtet und weitergetragen. Und zugleich trägt der Same Zukunft in sich.
Genau darin liegt für mich die Schönheit dieses Bildes für uns Frauen in der Lebensmitte.
Wir haben gelebt. Wir haben geliebt, entschieden, gezweifelt, begonnen, verloren und getragen. Wir sind gescheitert und wieder aufgestanden. Wir haben uns angepasst und uns befreit. Manches haben wir vielleicht zu lange ausgehalten, anderes mutig beendet.
Wir haben uns verirrt und uns wiedergefunden.
Wir haben Erfahrungen gemacht, die wir uns nicht ausgesucht hätten. Abschiede erlebt, Enttäuschungen, vielleicht Brüche und Zeiten, in denen wir selbst nicht wussten, wie es weitergehen soll.
Und wir haben Freude erlebt. Nähe. Sinnlichkeit. Aufbruch. Tiefe Verbundenheit. Diese kostbaren Momente, in denen wir ganz bei uns waren und das Leben intensiv gespürt haben. Nichts davon ist umsonst.
All das ist in uns. Nicht nur als etwas Vergangenes, auf das wir zurückblicken, sondern als gelebtes Wissen, als Erfahrung, als innere Substanz. Als etwas, das heute in uns wirkt.
Wir warten nicht mehr darauf, dass jemand unseren Wert erkennt
Vielleicht ist genau das eine der großen Bewegungen dieser Lebensphase: dass wir langsam aufhören zu warten.
Darauf, dass jemand von außen erkennt, wie viel in uns lebt. Dass jemand uns bestätigt, dass wir noch schön sind, noch begehrenswert, noch interessant oder relevant.
Denn schon in diesem kleinen Wort „noch“ liegt eine ganze Welt.
Als wäre unser Wert an etwas gebunden, das langsam weniger wird. Als müssten wir beweisen, dass wir trotz unseres Alters weiterhin einen Platz verdienen.
Ich erinnere mich und gebe mir selbst den Wert, der dieser Lebensphase gebührt. Und das nicht, indem ich so tue, als gäbe es keine Verluste, keine Verletzlichkeit und keine Abschiede. Sondern ich übe mich in einer tiefen Würdigung dessen, was geworden ist.
Ich möchte mich nicht länger nur mit den Augen einer Welt betrachten, die Jugend so oft mit Wert verwechselt. Ich möchte mich mit meinen eigenen Augen sehen – in meiner Tiefe, meiner Erfahrung, meiner Sinnlichkeit, meiner schöpferischen Kraft und meinem Wissen.